Aktuelles Genrekino aus Deutschland II: HELL (2011), Regie: Tim Fehlbaum



Hach, Kinoplakate. Andere Länder, andere Sitten: Zuerst die deutsche Programmkinovariante und dann die Actiongülle-Horrorversion für den amerikanischen DVD Markt. Man beachte: Hierzulande wird der Produzent subtil unter den Teppich gekehrt...

Am Ende von Kathryn Bigelows Vampirwestern NEAR DARK (1987) ist die Blutsaugerhorde gezwungen, den sicheren Hort tagsüber zu verlassen und fährt mit einem Wagen mit zugeklebten Scheiben in die Wüste hinaus. Gnadenlos bahnen sich die Sonnenstrahlen selbst durch kleinste Löcher in der Folie ihren Weg. Am Ende stellt sich die Brut teils selbstmörderisch, teils kämpferisch ihrem größten Feind: Der Sonne. Und verliert.

Tim Fehlbaum hat quasi einen ganzen Film daraus gemacht:
Das Ende der Welt ist da! Die Erde verbrennt unter den unbarmherzigen Strahlen der Sonne, einst grüne Gegenden haben sich in ausgedörrte Einöde verwandelt, und wer sich zu lange dem Sonnenlicht aussetzt, verbrennt. Eine kleine Zweckgemeinschaft hat sich gebildet, bestehend aus Marie (Hannah Herzsprung), ihrem Lover Philip (Lars Eidinger), welcher auch den Fluchtwagen liefert, und ihre jüngere Schwester Leonie (Lisa Vicari). An einer Tankstelle kommt noch Tom (Stipe Erceg) hinzu, welcher die Gruppe eigentlich beklauen wollte, sich aber nach einer kleinen Rangelei als wertvoll herausstellt, da er ein gutes Mechaniker-Händchen hat. Wer THE ROAD oder irgend einen anderen Endzeitstreifen gesehen hat, kann sich denken, daß dieser kleine Ausflug durch die verbrannte Ödnis nicht lange währt: Leonie wird von Fremden entführt und die Gruppe nach einer gescheiterten Befreiungsaktion auseinander gerissen...um sich dann später auf einem abgelegenen Bauernhof in Gesellschaft einer unheimlichen Sippe wieder zusammen zu finden. Welche den Speiseplan wegen höherer Umstände auf Menschenfleisch umgestellt hat...



Auf rein visueller Ebene ist HELL durchaus interessant: Die Bilder von Kameramann Markus Förderer haben einen schön ausgeblichenen, überbelichteten Look, welcher beim Betrachter durchaus ein trockenes Gefühl in der Kehle hervorrufen kann. Es funkelt, gleisst und staubt, daß es eine wahre Freude ist! Der Vogel am Himmel wird dank des Kontrasts zum grafischen Kunstwerk. Allein durch diese Verfremdung fühlt man sich des öfteren auf einen fremden Planeten versetzt, eine menschenfeindliche Umgebung, die eine Menge der Spannung des Films ausmacht. Leider bietet die Story ausser den üblichen "Survival" Klischees nicht viel, läßt die Tiefe eines bereits oben erwähnten THE ROAD vermissen, bietet aber nicht genug neue Ideen oder harte Action, die der Fanboy ansonsten erwarten würde. Was schade ist, denn die Darsteller machen allesamt ihre Sache gut und ein paar haarige Momente werden ebenfalls geliefert. Angela Winkler als wahnsinnige Klanmutter ist großartig und liefert in ihren ruhigen Szenen die unheimlichsten Momente des Films ab, schafft es gar, etwas Verständnis beim Betrachter zu erzeugen - hey, die Welt ist am Ende, und die Familie muß überleben!

HELL sitzt leider etwas zwischen den Stühlen, bietet weder Arthouse noch saftige Exploitation, aber immerhin solides Futter für zwischendurch. Wer auf der Suche nach einem etwas gehaltvolleren Endzeitdrama ist, sollte vielleicht nochmal die DVD von Chalonges MALEVIL (1981) hervorkramen.

Zum Tode von Jésus Franco



Jess Franco, das filmische Äquivalent zu Hot Jazz, der Mann, der die Kamera und die Frauen liebte, ist tot. Fast 200 Filme sind sein Erbe, und bis kurz vor seinem Tode stand er noch hinter der Kamera. Persönlich hatte ich immer ein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Schaffen, ähnlich wie der Vielfilmer Takashi Miike wanderte er zwischen Auftragsarbeiten, waren es nun billige Horrorfilmchen oder Hardcore Pornos und persönlichen Werken hin und her, dementsprechend unterschiedlich fällt auch die Qualität seines gewaltigen Gesamtwerkes aus. Franco war ein Könner, das beweisen vor allem seine früheren Werke, welche durchaus liebevoll in Schwarz/Weiss abgelichtet sind, später entwickelte er einen sehr lockeren, skizzenhaften Stil, welcher ebenfalls hervorragend zu der Jazzmusik passte, die er liebte. Wackelkamera, viele Zooms, sonnengetränkte Landschaften, spärlich bekleidete Damen (allen voran Soledad Miranda und natürlich Hauptmuse Lina Romay, welche bereits letztes Jahr verstarb), Pop Art Decors...ein improvisierter Stil, welcher besonders das moderne Musikvideo bewusst oder unbewusst stark prägte. Jess Franco war ein ehrlicher Typ, der, wenn möglich, filmte, wo er Lust drauf hatte - und das hat er bis ans Ende seines Lebens radikal durchgezogen. Von den Kritikern und Behörden jahrzehntelang gescholten und zensiert, wurde ihm 2009 eine ganz besondere Ehre zuteil - er erhielt einen Ehren-Goya, den spanischen Oscar, für sein Lebenswerk.

Möge er in Frieden ruhen, es wird keinen mehr geben wie ihn, weder als Typen noch als Regisseur! VIVA JÉSUS!

(Die folgende kleine Trailershow ist eine Auswahl meiner persönlichen Franco Favoriten, für EROTIKILL (1973) und FACELESS (1987) konnte ich leider keine passenden Clips auftreiben).








Aktuelles Genrekino aus Deutschland I: MASKS (2011), Regie: Andreas Marschall



Es kommt selten vor, aber ab und zu werden neben den üblichen Til Schweiger Komödien und schwermütigen Dramen auch echte Genrefilme in Deutschland produziert. Besonders Andreas Marschalls MASKS stellt sich dabei als äußerst angenehme Überraschung heraus: Der Giallo, jene auf den gelben italienischen Taschenschmökern basierenden Thriller um schwarz behandschuhte Mörder, welche hübschen jungen Damen nach dem Leben trachten, hatten ihre große Zeit in den Siebzigern, als Regisseure wie Dario Argento, Umberto Lenzi, Mario Bava oder Massimo Dallamano sich cinematisch austobten und farbenprächtige, gewalttätige und visuell einfallsreiche Filme wie DEEP RED, MALASTRANA, THE CHILD oder DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER auf die Zuschauer los ließen. Irgendwann Anfang der 80er war die Blüte dann vorbei, Argento produzierte (bis auf STENDHAL SYNDROM) nur noch eine Gurke nach der anderen, und das italienische Exploitationkino ging nach und nach den Bach runter.

Erst 2009 explodierte der ebenfalls hier besprochene AMER auf die Leinwände und ein neues Interesse an der Musik und dem Look dieses tot geglaubten Genres wurde geweckt. Marschall hat diesen offenbar auch gesehen, wandelt aber nicht auf AMERs Arthouse-Collage Pfaden, sondern liefert eher eine eigenständige Variante des Genres ab, welche man durchaus als gelungen bezeichnen kann. Randvoll mit hübschen Ideen, besonders Argentos Fantasy-Horror-Giallo SUSPIRIA wird ausgiebig zitiert (die mysteriöse Tanzschule wird zur Schauspielschule, es gibt zwar keine Hexen, aber durchaus ähnliche Weibsbilder des Grauens, man schleicht durch Gänge und findet geheime Orte, die Heldin wird mit Licht geblendet, ähnlich wie Jessica Harper in einer Schlüsselszene), erzählt MASKS die Geschichte von Stella (sympathisch: Susen Ermich), welche, mit nicht allzu großem Talent gesegnet, endlich angenommen wird: An der Schauspielschule Mateusz Gdula, wo selbiger in den 70ern seltsame Selbsterfahrungsseminare mit seinen Schülern durchführte. Und eine Methode entwickelte, welche die Studenten zum "Strahlen" brachte - was auch schon mal zu deren Ableben führte! Lee Strassberg on Acid, sozusagen. Stutenbissigkeit wird an diesem Ort groß geschrieben, aber das ist nur ein kleines Problem verglichen mit der unheimlichen Mordserie und dem dunklen Geheimnis in den Tiefen der schummrigen Korridore...die Weichen für ein trippig - haarsträubendes Finale sind jedenfalls gestellt!



Sieht man von den teilweise nicht ganz runden Schauspielerleistungen der Nebendarsteller ab (seien wir mal ehrlich: Das war auch schon ein Problem der "alten" Giallos), hat man es mit einem bemerkenswert runden modernen Genrevertreter zu tun, welcher trotz sparsamem, unabhängig zusammengekratztem Budget tolle Bilder, pointiert eingesetzte, gelungene Effekte und einiges an Spannung in den bunten Topf wirft. Von der authentischen Titelsequenz, der gleitenden Kamera bis hin zum gelungenen Soundtrack (samt simplem Pling Pling Pling Leitthema!). Regisseur Marschall, welcher eigentlich aus der Illustratorenecke kommt und neben dem klassischen Plakat für Buttgereits NEKROMANTIK diverse Heavy Metal Alben airbrushte, seitdem aber auch als Cutter arbeitete und diverse Musikvideos fabrizierte, zeigte bereits mit seinem ersten Langfilm TEARS OF KALI so einiges Potential. Schon dort zeigte sich sein Interesse für Sektentum, Gruppensuggestion und Psychospiele der makabren Art. Jedoch erst mit MASKS legt er ein erstaunlich reifes Werk vor - man darf auf seinen nächsten Film, LORELEI, gespannt sein. Ob der allerdings in die selbe Bresche wie Ossorios fulminanter THE LORELEY'S GRASP schlägt, kann ich leider noch nicht sagen!

SINISTER, USA 2012, Regie: Scott Derrickson





































Das Plakat des Films liegt schon mal voll im Trend: Unheimliches Kind vor grauer Wand. Blut. Der Regisseur? Scott Derrickson. HELLRAISER:INFERNO. Naja. THE EXORCISM OF EMILY ROSE. Herrjeh. Das Remake von THE DAY EARTH STOOD STILL. Pffffhh!! Und jetzt: SINISTER!

Der letzte dicke Bestseller liegt zehn Jahre zurück, das Geld ist knapp, die neue Hütte billig. True Crime Autor Ellison Oswalt (gut: Ethan Hawke) hat schon bessere Zeiten erlebt und ist auf der verzweifelten Suche nach einem Hit! Da bietet sich die Vorgeschichte des neuen Heimes natürlich perfekt an: Während des Vorspanns werden wir Zeuge des Ablebens einer typisch amerikanischen Durchschnittsfamilie, erhängt an dem Baume, auf den er nun blickt, während er morgens sein Käffchen schlürft!
Eine seltsame Kiste auf dem Dachboden sorgt dann endlich für richtige Inspiration: 8mm Snuff Home Movies zeigen das Werk eines offenbar Wahnsinnigen, welcher schon seit Jahren sein Unwesen treibt und sich auf das möglichst originelle Ausmerzen von Familien spezialisiert hat. Die Kinder agieren immer seltsamer und Mutti riecht auch langsam den fauligen Braten, daß mit der neuen Bude was nicht stimmt...Und was ist das für eine unheimliche Fratze, die immer häufiger in allen möglichen Ecken des Bildkaders auftaucht?

Diese zu Beginn recht stimmungsvolle Mischung aus Serienkiller- und Geisterfilm kippt leider spätestens mit dem Auftauchen von albern posierenden Geisterkindern ordentlich ins Lächerliche. Beim Dreh hatten die bestimmt eine Menge Spaß, leider überträgt es sich nicht wirklich auf den Zuschauer. Der dämonische Mörder in KISS Make Up ist ebenfalls Geschmackssache. SINISTER hat insofern sein Ziel als seriöser Grusler verfehlt, da ich mehrfach laut auflachen mußte. Selbst der gelungen-wabrig dröhnende Elektroklangteppich von Christopher Young und den Boards Of Canada nützt da nichts: Diese Blagen mit ihren schlechten Halloween Make Ups und albernen Verrenkungen haben mir wirklich den Film vergällt! Eigentlich hervorragend fotografiert, sind es vor allem einzelne Bilder und Schnippsel, die einem zu Beginn im Gedächtnis bleiben: Die traumartige Hinrichtung zu Beginn, überhaupt kann man die 8mm Filme durchaus als gelungen bezeichnen, der Fremde, welcher auf dem Boden des Swimming Pools steht und langsam den Kopf dreht, die Dunkelheit des Hauses, nur durch kleine Lichtquellen erhellt - es ist schade, daß dieser gelungene Aufbau in der zweiten Hälfte völlig den Bach runter geht. Das Kasperle übernimmt hier leider das Kommando und beendet den Film mit Knallchargentum, ein wenig Geisterbahn und einer nicht wirklich überraschenden Schlusspointe. Dann lieber nur den Trailer gucken: