
Ein Abend mit Rainer Brandt
Buio Omega, der geheime Filmclub, immer für Überraschungen gut, konnte auch dieses Jahr mit einem ganz besonderen Stargast aufwarten, welcher sich nahtlos in eine Reihe von Größen wie Doris Wishman, Franco Nero oder Paul Naschy einfügte- wunderbaren Menschen, die aus dem internationalen Exploitationkino längst nicht mehr wegzudenken sind! Diesmal war es Synchronpapst Rainer Brandt, welcher mit seiner prachtvollen Erscheinung die wunderschöne Gelsenkirchener Fussgängerzone beehrte!

(Ebenfalls freudig erregt: Die Gosejohanns.)
Das Kino war geradezu prall gefüllt, die ganze Schose wurde gar in einen anderen Saal verlegt, und meine tapferen Mitstreiter Christian R. und Wolfgang P. und ich harrten gespannt der Dinge, die da so lauerten. Ein multimedialer Abend sollte es werden, Rainer im Interview, immer wieder unterbrochen von authentischen deutschen Kinotrailern der vergangenen Tage...

(Verdammt gespannt: Christian "Splatting Image" Kessler.)
Und dann war es so weit, der Maestro und seine zwei Interviewer (der nette junge Herr, welcher immer die Ankündigungen spricht und ein nasses Handtuch namens Bobby Peru, selbst ernannter, größter Rainer Brandt Kenner des Universums) betraten die Bühne und die Meute brach in ein gewaltiges Klatschgewitter aus, da war kein Halten mehr! Rainer, sichtlich gerührt, versuchte den Geräuschpegel zu senken, dies gelang aber erst nach einiger Zeit...und dann ging es los!

Und was soll ich sagen: Der Mann hat nix von seinem Esprit verloren! Die Stimme von, unteranderem, Elvis Presley und Jean Paul Belmondo schöpfte aus dem Vollen und der Kinosaal ging auf eine Zeitreise, von den Fünfzigern bis in die güldenen Achtziger! Von seiner Karriere als Schauspieler (yip, der Mann hat eine zünftige Ausbildung!) bis zu den ersten Synchronjobs für obigen Hüftschwinger, den Italowestern und dem Durchbruch als Dialogschreiber und Sprecher von DIE ZWEI. Interessant dabei: Rainer, ein waschechter Berliner, hat wirklich so eine koddrige Schnauze und er bezeichnete die teilweise schon fast surrealen Dialoge dieser Serie als Mischung aus Berlinerisch, Jiddisch und Kneipengespräch, eine eigene Sprak, die er sich im Laufe der Zeit erarbeitet hatte (und für die er auch berühmt-berüchtigt war, denn man sollte erwähnen, das er mindestens genauso viele Filme mit seiner Synchro in den Abgrund riss!).
Bud Spencer und Terence Hill profitierten ja ebenfalls von seinen in alle Richtungen davon fliegenden Worthülsen und er erzählte von der Synchroarbeit in den Siebzigern, als es wohl noch gang und gäbe war, europäische (vor allem italienische und französiche) Filme vor Ort, zB. in Cinécitta abzumischen und Einfluss auf den Soundmix zu nehmen...so lernte er unteranderem auch Sergio Leone kennen, Belmondo natürlich auch, phantastische Geschichten, es klingt fast zu schön, um wahr zu sein- David Lean rief ihn an, um ihm zur Synchro von DIE REISE NACH INDIEN zu gratulieren, und Pierre Richard verhalf er mit der Synchro von DER GROSSE BLONDE MIT DEM SCHWARZEN SCHUH zum Erfolg...egal ob Synchrolatein, oder nicht, der Mann kommt so schön schnoddrig und charmant rüber, das Gelsenkirchener Publikum frass ihm aus der Hand!
Seit Mitte der Siebziger mit seinem eigenen Synchronstudio vertreten, konnte Herr Brandt natürlich auch so einige Indiskretionen über die Kollegenzunft ablassen, was sich ebenfalls als äusserst unterhaltsam herausstellte: Dem Alkohol scheint dieses Berufsbild ja nicht gerade abgeneigt zu sein! Toll oder auch erschütternd, die Geschichte von Kollege X, welcher im Vollrausch Selbstmord begehen wollte und bei einer Bekannten aus dem Fenster der Parterrewohnung sprang...
Und so neigte sich ein famos bunter Abend langsam dem Ende, nach über zwei Stunden in der Wärme hatten wir unseren Rainer Brandt Durst gestillt und ignorierten die große Signierorgie geflissentlich, ebenso den darauf folgenden Belmondostreifen (die kann ich eh' noch singen!).
Der Mann ist fürwahr unerschütterlich, ein echtes Unkraut vergangener Tage, und man fragt sich schon, wie ein öder Michael Bay Stinker mit gossenhafter Rainer Brandt Synchro aussehen würde!
Drum stimmen wir an: "Rainer, Rainer, keiner kann's wie Rainer!"