
Freitag, 22.August, Fantasy Film Fest 2008:
100 FEET, JACK BROOKS: MONSTER SLAYER, MARTYRS
Aus zeitlichen Gründen hatte ich mir dieses Jahr nur einen Tag für das FFF reserviert, drei Filme, die einen ganz guten Querschnitt durch das Programm darstellten. Da der ganze Rest eh auf den kleinen, runden Silberlingen landen wird, muß man auch nicht das Gefühl haben, allzuviel verpasst zu haben- das Programmheft platzt auch dieses Jahr wieder vor DVD Ankündigungen!
Letztes Jahr habe ich mich für blairwitch.de in Bochum herum getrieben, dieses Jahr war wieder Köln angesagt. Leider versprüht der Cinedom nicht den Charme letzterer Location, aber die alt bekannten Gesichter vergangener Jahre liessen fast so etwas wie Heimkehrstimmung aufkommen. Die Jungs tragen sogar noch ihre Shirts vom Fantasy Film Fest 2001- zum Glück tritt man nicht in so engen Körperkontakt wie auf den beliebt-berüchtigten Filmbörsen, die Nase wird geschont..
Der erste Film, Eric THE HITCHER Reds 100 FEET, stellte sich so denn als angenehme Überraschung heraus: Ein geradezu klassischer, schnörkelloser Geisterfilm mit einer hervorragend aufgelegten Famke Janssen in der Hauptrolle. Und einem Suspense Twist, den wir bereits aus der FENSTER ZUM HOF Variante DISTURBIA kennen: Marnie (Janssen) kehrt nach dem Tod ihres Mannes (B-Movie Recke Michael Paré) in ihr altes Stadthaus zurück. Jahrelang seinen Misshandlungen ausgesetzt, hatte sie ihn in Notwehr erstochen- und ist nach einem Gefängnisaufenthalt nun zu Hausarrest verdammt. Eine elektronische Manschette sorgt dafür, daß sie sich nur innerhalb eines Radiusses von 100 Fuss bewegen kann, ein Übertreten der Grenze löst einen Alarm aus, der bereits nach wenigen Minuten die Polizei zur Stelle ruft.
Allein in einem alten, in jeder Ecke knarzenden Haus...wo vor nicht allzu langer Zeit ein Mord geschehen ist. Und der nach Rache dürstende Geist des Gatten sein Unwesen treibt: Was mit knarzenden Dielen und Bewegungen im Dunkeln beginnt (immer begleitet von John Frizzels gelungener, düsterer Klangwelt) wird schon bald zu einem handgreiflichen Kampf ums Überleben. Wie zu alten POLTERGEIST Zeiten fliegen Gegenstände durch die Gegend und Marnie muß so einiges einstecken...was im Splatter Highlight des Films mündet, der wortwörtlichen Zerschlagung der erblühenden Romanze mit dem netten Jungen aus der Nachbarschaft. Ein Moment, der durchaus in einem Atemzug mit Jennifer Jason Leighs niederknüppelndem Ende in THE HITCHER genannt werden kann!
Eric Red baut die Spannung gekonnt auf, um dann gegen Ende noch einmal richtig in die Vollen zu gehen. Der Schluß ist wie bei fast allen Geisterdramen etwas unbefriedigend, aber im großen Ganzen unterhält 100 FEET dank gelungener Technik und überzeugender Darsteller ganz famos!
Kleine Pause, und weiter ging's! JACK BROOKS: MONSTER SLAYER stand auf dem Programm. Ehrlich gesagt hatte ich wirklich keine großen Erwartungen in diesen Film gesteckt, wurde aber auch hier angenehm überrascht. Eine simple Story (junger Klempner mit Aggressionsproblemen nach einer traumatisierenden Monsterattacke in der Kindheit muß sich mit einem alten japanischen Monstrum herumschlagen) wird dank guter Handarbeit (erstaunlicherweise kein CGI weit und breit), netten Gags und skurrilen Charakteren (besonders der stetig mutierende Robert Englund hat sichtlich Spaß an seiner Rolle) zu einer netten achtziger Jahre Monsterfilmhuldigung. Gegen Ende geht dem Spektakel mit steigendem Matschfaktor etwas die Luft aus, aber für einen netten DVD Abend im Kreise von Gleichgesinnten reicht es allemal!
Was man vom letzten, und besten Film des Abends nicht unbedingt behaupten kann. Den netten DVD Abend verlebt man mit diesem neuen Werk der französischen "harten Welle" definitiv nicht, dafür wird man ihn aber auch so schnell nicht vergessen. Punkt. Im Vorfeld wurde ja bereits viel gefaselt, Leute verliessen angeblich in Scharen das Kino, andere brachen direkt zusammen...der Film wurde in einem Atemzug mit hohlem Folterdreck wie HOSTEL genannt und war seit längerem mal wieder ein Werk, welches in Frankreich eine 18er Freigabe erhalten sollte, dann aber doch ohne Schnitte ab 16 in die Kinos gelangte. In Deutschland wird er wohl nicht so viel Glück haben.
MARTYRS ist eine Meditation über die Gewalt. Beeindruckend rund, von einem technischen wie darstellerischen Standpunkt, wirkt der Film eher wie ein düsteres, unglaublich brutales, aber fast schon lyrisches Arthouse Kammerspiel mit David Cronenberg Optik. Könnte ich mir auch gut als Theaterstück vorstellen.
Interessant strukturiert, erzählt MARTYRS in der ersten Hälfte die Geschichte einer Rache: Eines Tages steht die junge Lucie (intensiv: Mylène Jampanoi) mit gezückter Schrotflinte vor der Tür einer Bilderbuchfamilie. Als ihre Freundin Anna (Morjana Alaoui) eintrifft, um sie aufzuhalten, sind bereits alle tot. Lucie wurde vor Jahren von Fremden in einem entlegenen Fabrikgebäude übelst misshandelt. Zwar gelang ihr die Flucht, aber die Traumata haben sie nie los gelassen und nun glaubt sie, ihre Peiniger ausfindig gemacht zu haben. Aber erst nach Lucies Selbstmord und der Entdeckung einer geheimen Luke und unheimlichen, sterilen Kellerräume mit einem weiteren Folteropfer, weiss Anna, das ihre tote Freundin immer Recht hatte. Aber es ist bereits zu spät...
Nun beginnt die zweite Hälfte des Films. Anna gerät in die Gewalt einer bizarren Gruppe, die sich vom unendlichen Leid des Märtyrers einen Blick jenseits der Barrieren des Jenseits erhofft...
Und gerade diese zweite Hälfte des Films dürfte für den schon jetzt berüchtigten Ruf des Films verantwortlich sein. Gerade die Mischung aus Niedertracht und realistischer Grausamkeit macht es für den Betrachter schwierig, hinzusehen. Die Verwandlung eines hübschen Mädchens in etwas Entstelltes, quasi Animalisches. Dabei geht der Film erst gegen Ende über das bekannte "Guantanamo" Mass hinaus- man kann sich sehr gut vorstellen, daß in finsteren Verliessen, irgendwo auf der Welt, Menschen wegen eines Verdachts oder einer Überzeugung zu Tode geprügelt werden. Schlafentzug, Flüssigkeitsentzug, Degradierung, ein Großteil der Grausamkeiten des Films wird immer noch von Menschenhand ausgeübt. Morjana Alaoui als Anna leistet Unglaubliches und der kühlen Regie Pascal Laugiers ist es zu verdanken, daß der Film nicht in eine dumme, spekulative Richtung à la GUINEA PIG abgleitet, sondern den Betrachter wirklich zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Auch wenn das Thema Folter oder Gewalt lautet. Dies ist ein Werk für ein denkendes Publikum (mit starken Nerven) und durchaus eine intellektuelle Herausforderung, wie sie auch berüchtigte Filme wie DIE 120 TAGE VON SODOMH, von Pasolini, oder IRREVERSIBEL von Gaspar Noé darstellten. Auch MARTYRS respektiert seine Opfer, und hält der Menschheit den Schmutz befleckten Spiegel vor- um schließlich mit einem eigenartig lyrischen, fast schon ironischen Ende in die Tiefe zu rasen.