Augen, überall Augen! In gewaltigen Ausmaßen füllen sie die Cinemascope Leinwand! Dazu: Der klassische Italosound, Morricone und Cipriani wehen dem Betrachter in hervorragender Qualität um die Ohren, extreme Soundeffekte, fast schon ins Parodistische übersteigert, kratzen am Hirne...
Willkommen in der Welt von AMER, der wohl schönsten Reanimation des Giallo Genres, jenen auf Gelb gecoverten Schundheftchen basierenden, überstilisierten italienischen Thrillern von Machern wie Mario Bava, Dario Argento oder Alberto de Martino. In drei Segmenten erleben wir eine junge Frau als kleines Mädchen, erblühenden Teenager und reife Schönheit, ein Trauma der Jugend führt zu sexueller Verwirrung und Mordphantasien...aber sind es wirklich alles nur Hirngespinste?
Eigentlich passiert hier nicht viel, man sollte AMER eher als eine Stilübung ansehen, einen Kunstfilm mit exploitativen Elementen- das Medium Film wird, wie schon lange nicht mehr, konsequent ausgenutzt, extremste Nahaufnahmen treffen auf völlig experimentelle Kameraspielereien, liebevoll Komponiertes auf wild Zusammengestückeltes...ebenso verhält es sich mit dem Soundtrack: Wie Tarantinos Werke der letzten Zeit besteht er aus bereits existierenden Soundtrackschnippseln der Großmeister. Und wenn dann Stelvio Ciprianis Titelthema aus DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER ertönt, richten sich beim geneigten Fan die Nackenhaare auf!
Somit ist der Film weniger an dem, für das Genre typischen, Blutvergiessen interessiert, sondern eher an dem Erschaffen einer Atmosphäre, einer Retro-Welt in poppigen Farben, sonnendurchfluteten Küstengegenden, lustvoll knabbernden Schmollmündern in Nahaufnahme und...Rasiermesser zückenden Eindringlingen. Coming Of Age trifft Polanskis EKEL, sozusagen. Irgendwie auch ein tolles Double Feature mit der psychedelischen Jess Franco Huldigung FRANKENSTEIN'S BLOODY NIGHTMARE. Wirklich wundervoll.
