VINYAN, Frankreich 2008, Regie: Fabrice Du Welz


Fabrice Du Welz' CALVAIRE (2004), hierzulande unter dem subtilen Titel CALVAIRE - TORTUR DES WAHNSINNS erschienen, war ja schon eine harte Nummer. Aber beeindruckend. Die seltsame Geschichte eines Altersheim Entertainers, welcher im belgischen (!) Niemandsland diversen Hinterwäldlern in die Hände fällt und einen bizarren, schrecklich - gallig humorigen Horrortrip erlebt, ist schon etwas ganz besonderes. Atmosphärisch inszeniert, mit exzellenten Darstellern besetzt und dabei sehr intensiv, stellte CALVAIRE eine außerordentlich gelungene Visitenkarte für den Debutanten Du Welz dar. Und man durfte gespannt sein, was denn da als nächstes aus Belgien hereinschneien würde!
Erst vier Jahre später erschien VINYAN auf der Bildfläche: Der große Tsunami in Thailand im Jahre 2004, welcher über 220.000 Menschen das Leben kostete, schwebt wie ein dunkler Schatten über der Geschichte der Französin Jeanne (irgendwie unheimlich: Emmanuelle Béart) und ihrem Mann, dem Engländer Paul (Rufus Sewell), welche sich auf die verzweifelte Suche nach ihrem Sohn machen, den sie während der Katastrophe verloren haben. Angeschürt durch ein Dokumentarvideo aus Burma, auf dem ein kleiner Junge in einem roten T-Shirt zu sehen ist, steigert sich Jeanne immer mehr in die Vorstellung, daß ihr Sohn dort noch lebt. Über sinistre Kanäle wird eine Überfahrt organisiert, welche an sich schon mit genug Tücken behaftet ist, aber der immer labiler werdende Geisteszustand Jeannes und die realen Gefahren des burmesischen Dschungels sind nichts im Vergleich zu dem irrealen Alptraum, in dem die Reise enden wird!

Tanzende Luftbläschen, riesige Titel wie aus einem Gaspar Noé Film, langsam färbt sich das Bild rot, Rauschen und Schreie tönen vom Soundtrack, schwarzes, wegtreibendes Haar, Emmanuelle Béart steigt aus den Fluten eines wunderschönen thailändischen Meeres. Das reicht völlig, um den Tsunami zu visualisieren und die Atmosphäre nahenden Unheils zu etablieren: Die Welle hat ihrem Leben einen Riss beigebracht, aber ausgerechnet die Frau wird sie schließlich ins Verderben führen...



Dabei stört noch nicht einmal, daß die Storyline stark an Nicholas Roegs Klassiker WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (DON'T LOOK NOW, 1973) erinnert. Aber vielleicht sollte man das eher als Huldigung an ein Meisterwerk sehen: Auch dort war es ein Ehepaar (Julie Christie und Donald Sutherland), welches das Kind durch Ertrinken verloren hat, im Gartenteich, gekleidet in einen roten Regenmantel (bei Du Welz ist es ein Junge im roten T-Shirt). Auch hier hat die Frau unheimliche Visionen nahenden Unheils. Ist es bei Roegs Film die Farbe Rot, welche immer wieder als Motiv auftaucht und Hinweise auf das unausweichliche Ende des Films geben, so sind es in VINYAN immer wieder Aufnahmen von Kindern, die zum Schluß hin einen mehr als beunruhigenden Charakter annehmen. Statt dem pittoresken Urlaubsgothik Thailands war es damals der eher klassisch morbide Charme Venedigs, welcher für gesträubte Nackenhaare sorgte. Und dies ist der Punkt, in dem sich die beiden Filme unterscheiden:
Komplett in Thailand gedreht, erzählt Du Welz die Geschichte einer Reise ins Herz der Dunkelheit, nutzt die Schönheit der exotischen Lokalitäten geschickt, um gegen Ende immer "dreckiger" zu werden. Wer selbst schon in Gefilden jenseits des Äquators unterwegs war, kennt dieses seltsame Gefühl des Ausgeliefertseins, man spricht die Landessprache nicht, muß sich den einheimischen Führern anvertrauen und wird des öfteren um sein Geld geprellt. Für das verzweifelte Ehepaar sind aber gerade die Kriminellen der einzige Weg, zum geliebten Kind zu gelangen, und Jeanne ist bereit dafür jede Art von Opfer zu bringen.

VINYAN ist ein ruhiger Film, welcher es oftmals bei Andeutungen belässt, aber die ganze Zeit über einen fiesen Beunruhigungs-Hammer über dem Kopf des Zuschauers kreisen lässt. Die Atmosphäre eines nahenden Unheils wird von Du Welz äusserst gekonnt heraufbeschwört und am Ende in gekonnt abgründige Bilder umgesetzt...und wieder bin ich gespannt, was der Belgier als Nächstes ausheckt! Angeblich wird das ALLELUIA sein, die Geschichte der "Lonely Hearts Killers" Martha Beck und Raymond Fernandez, welche zwischen 1947 und 49 geschätzte zwanzig Frauen ermordeten. Die ebenfalls ziemlich unheimliche Beatrice Dalle wird die Hauptrolle übernehmen.

"If you can't control your wife, THAT is not my concern."